„Ein Regenwald braucht ein Preisschild“

Volker Angres hat über 30 Jahre die ZDF-Umweltredaktion geleitet. Beim Campusfest der FernUni widmet er sich dem Nachhaltigkeitsdilemma.


Foto: Privat
Volker Angres spricht am 19. August beim Hagener Campusfest.

Er hat Formate wie „ZDF.umwelt“ und „planet e.“ entwickelt und verantwortet, an 18 UN-Klimakonferenzen teilgenommen und für aktuelle Sendungen des ZDF berichtet und kommentiert. Beim Campusfest der FernUniversität am 19. August spricht Volker Angres über „Das Nachhaltigkeitsdilemma – Versagen und Hoffnung”. Sein Vortrag ist Teil der Ringvorlesung im Forschungsschwerpunkt Energie, Umwelt & Nachhaltigkeit (E/U/N) an der FernUni. Im Interview gibt er einen Vorgeschmack auf seinen Vortrag und zeigt, was passieren muss, damit der Überlebensplan für die Erde am Ende doch noch aufgeht.

FernUniversität: Herr Angres, der Titel Ihres Vortrags macht es deutlich. Nachhaltigkeit bedeutet Versagen und Hoffnung zugleich. In welchen Punkten haben Politik und Wirtschaft in Ihren Augen versagt?

Volker Angres: Politisch Verantwortliche reden seit langem zwar viel über Nachhaltigkeit, sorgen aber nicht konsequent genug für die Umsetzung. Dadurch ist der Begriff leider im Spektrum des politischen Versagens gelandet. Zudem haben wirtschaftliche Interessen den ursprünglichen Kerngedanken der Nachhaltigkeit verwässert. Der lautet: Die ökonomische, ökologische und soziale Balance der Systeme herstellen. Das ist eigentlich unter Nachhaltigkeit zu verstehen.

Campusfest 2023

Der Vortrag am 19. August beginnt um 18 Uhr auf dem Campus. Moderiert wird Volker Angres von Prof. Dr. Alfred Endres, Direktor des Forschungsschwerpunktes E/U/N an der FernUniversität. Ab 19:30 Uhr beantwortet Volker Angres im Informatikzentrum Fragen aus dem Publikum.
Zum Programm

Als langjähriger Leiter der ZDF-Umweltredaktion waren Sie mitverantwortlich dafür, Menschen auf Umweltthemen aufmerksam zu machen. Wie hat sich diese Arbeit über die Jahrzehnte verändert?

Als ich Mitte der 1990er Jahre die Leitung der Umweltredaktion übernahm, stellte ich fest, dass es die Redaktion eigentlich nur gab, um auf Gremienanfragen zu reagieren, also des Fernsehrats und des Verwaltungsrats. Weil das Publikumsinteresse damals noch eher gering war, hatten wir inhaltlich und gestalterisch besonders viele Freiheiten. In meiner Zeit als Redaktionsleiter sind neue Formate entstanden, mit der 3sat-Reihe ‚terranet c@fe‘ 1998 übrigens die erste interaktive TV-Reihe Deutschlands. Wir haben viel recherchiert und die Redaktion fachlich gut aufgestellt. Mit dem Kyoto-Protokoll 1997 wurde unsere Arbeit dann immer wichtiger. Wir mussten quasi über Nacht die aktuellen Nachrichtensendungen mit unseren Themen beliefern. Das war eine aufregende Zeit und sicherlich eine der frühen Sternstunden der ZDF-Umweltredaktion. Heute sind wir längst im digitalen Zeitalter angekommen und in den mehr als 30 Jahren, die ich überblicke, sind Themen aus dem Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit aus einer Nische in die erste Reihe gerückt.

Sollten wir Menschen eigenverantwortlich handeln, um die Umwelt zu schützen, oder muss die Politik die Richtung vorgeben?

Wir brauchen beides. Der Spruch ‚Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu‘, ist eigentlich die kindliche Übersetzung für Nachhaltigkeit. Damit sich aber überhaupt jeder Mensch naturgerecht verhält, müssen Anreize durch die Politik gesetzt werden. Ein Thema, dass es bisher leider nicht in die globale Politik geschafft hat, ist das Inwertsetzen der Natur, beziehungsweise der Ökosystemleistungen. Ein Regenwald braucht ein Preisschild. Wird er abgeholzt, würde das Land volkswirtschaftlich ärmer. Und nicht wie derzeit, reicher, weil es neue Weideflächen für Rinder gibt. Wir brauchen diesen ökonomischen Ausgleich, wenn wir eine globale politische Neuorientierung erwirken wollen.

Foto: ZDF
Solarthermie-Kraftwerke, wie hier in der Atacama-Wüste in Chile, gehören zu den wichtigsten Innovationen im Energiesektor.

Sie spielen auf Lösungen an, um die Energiekrise zu bewältigen. Wie kann das gelingen?

Der Schlüssel im Energiesektor lautet Sonnenergie. Thermische Solarkraftwerke in Marokko oder Chile zeigen, wie es gehen kann, sie wurden mit deutscher Beteiligung gebaut. Die Sonnenenergie wird mit großen Sonnenspiegeln eingefangen und zu einem Kollektor in der Mitte geleitet, der die Wärme einsammelt und speichert. Diese Wärme treibt eine Turbine an, die rund um die Uhr läuft. Mit dem erzeugten Strom aus solchen Kraftwerken könnten 300.000 bis 500.000 Haushalte versorgt werden. Auch grüner Wasserstoff spielt im Energiemix der Zukunft eine wichtige Rolle, allerdings nicht, um Heizungen in Privathaushalten damit flächendeckend zu betreiben. Ein Pilotprojekt am Stahlstandort Bremen zeigt, dass sich der CO2-Ausstoß einer ganzen Stadt um mehr als die Hälfte verringert, wenn nur ein einziges Stahlwerk auf Wasserstoff umstellt. Diese Erkenntnis führt doch zu einer Blaupause für alle Stahlwerke auf der Welt. Wenn wir solche Lösungen an örtliche Verhältnisse in anderen Ländern anpassen, haben wir exportfähigen Klimaschutz ‚Made in Germany‘. Dazu brauchen wir mehr internationale Klima-Kooperationen, herbeigeführt durch eine entsprechend aufgestellte Außenwirtschaftspolitik, am besten im Verbund mit weiteren Industrieländern.

Wie wichtig ist die Arbeit von Forschungsschwerpunkten wie „Energie, Umwelt & Nachhaltigkeit“ an der FernUni für die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entscheidungsfindung?

Wenn ich Geld zu verteilen hätte, würde ich mehr Milliarden in Bildung und Forschung stecken. Es ist politisch unverantwortlich, dass die Bundesregierung gerade Bildungs- und Forschungsgelder kürzt. Deutschland hat doch als ‚Rohstoff‘ nur die vielen klugen Köpfe, Ingenieure, Techniker, Wissenschaftler. In den nächsten Jahrzehnten ist noch viel Forschungsarbeit in Sichtweite. Es müsste allerdings sichergestellt sein, dass Fördergelder nicht nach politischer Ideologie verteilt werden. Meiner Meinung nach sollten alle Einrichtungen, die zu den Themen Energie, Umwelt und Nachhaltigkeit forschen, gefördert werden. Langfristig sind sie der Schlüssel, um Veränderungen in Gang zu setzen.



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Sarah Müller | 21.07.2023