Giftige Geschlechter: Was steckt dahinter?

Toxische Männer oder Frauen: Heutige Popkultur scheint wie besessen von diesem Gender-Schema – dabei ist das Muster Jahrhunderte alt, wie ein FernUni-Workshop gezeigt hat.


Szene aus der Oper Don Giovanni: Mann umfasst erschrockene Frau von hinten. Foto: Robbie Jack/The Image Bank Unreleased/Getty Images
Der Mann als Wüstling ohne Bedenken und Moral? Aufführung von Mozarts Oper „Don Giovanni“

Der Mann, ein roher Schürzenjäger. Reihenweise bringt er junge Frauen um den Verstand. Auf seinen zweifelhaften Abenteuern hinterlässt er eine Schneise der Verwüstung – und wird doch am Ende von der „Richtigen an seiner Seite“ verstanden, gezähmt und resozialisiert. Solche Erzählungen finden sich in der aktuellen Popkultur genauso wieder wie in historischen Werken.

Was steckt hinter solchen oft holzschnittartigen Geschlechterbildern? Zu diesem Thema fand im Nürnberger Campus-Standort der FernUniversität ein hybrider Workshop statt, der sich gleichermaßen an Forschende wie Studierende richtete: „Vergiftetes Gender? Was es bedeutet, wenn Männlichkeit oder Weiblichkeit ‚toxisch‘ genannt werden“. Organisiert wurde er von der Gendertheoretikerin Prof. Dr. Katja Kauer (Universität Tübingen), die vertretungsweise an der FernUni arbeitet, sowie den Hagener Literatur- und Medienforschern Prof. Dr. Uwe Steiner und Dr. Wim Peeters. Der Workshop erstreckte sich über zwei Tage; Keynotes kamen von Christoph Kucklick und Toni Tholen. „Von den Studierenden haben wir positive Rückmeldungen bekommen – und sind schon gespannt auf mögliche Hausarbeiten zum Thema“, freut sich Uwe Steiner.

Geschichte toxischer Typen

Ans Workshop-Thema rund um Toxizität lässt sich aus verschiedenen Richtungen anknüpfen. Steiner erklärt seine medienhistorische Sicht darauf: „Warum spricht man über Geschlechter als wären sie toxisch? Was meint man damit und seit wann?“ Aus literarischer Sicht sei vor allem der „toxische Mann“ kein Alleinstellungsmerkmal der Gegenwart. „Der Begriff ist zwar relativ neu, die Sache aber alt“, so Steiner. „Die Idee, dass es so etwas wie eine Natur der Geschlechter gibt, kommt im 18. Jahrhundert auf. Und dabei wird Männlichkeit oft in einem negativen Sinn beschrieben.“

Zwei Menschen vor Bücherregal Foto: FernUniversität
Medienhistorische und gendertheoretische Sicht: Uwe Steiner und Katja Kauer

Da wäre etwa Amadeus Mozarts Opern-Version von Don Giovanni, der so viele Frauen verführt, dass er zur Strafe buchstäblich zur Hölle fahren muss. In älteren Adaptionen des Stoffs als adliger Schwerenöter dargestellt, erscheint er bei Mozart vor allem als männlicher Missetäter. „Don Giovanni ist eine zunächst durch und durch negativierte Figur“, so Steiner. Allein die sakrale musikalische Untermalung der Höllenfahrt verleiht dem „Bad Boy“ auf den letzten Metern noch Attraktivität. Ein anderes Beispiel ist Odoardo im Drama Emilia Galotti. Lessing lässt die Vaterfigur sagen, dass weibliche Geschlecht sei in allen Belangen das bessere. Für Steiner ein wichtiger Anhaltspunkt: „Welches Interesse hätten Männer haben sollen, sich selbst abzuwerten, wenn es ihnen nur um Macht und um Unterdrückung des Weiblichen gegangen wäre?“

Idealisierung als Gefängnis?

Frauen werden in solchen Geschichten hingegen als das Geschlecht dargestellt, das überwiegend positiven Einfluss ausübt: Als idealisierte „Retterinnen“ bezähmen sie das stürmische Temperament der Männer. Damit sei die „Dominanzerzählung“ in Bezug aufs männliche Geschlecht nicht haltbar, findet Steiner. „Das geht trotzdem mit einer feministischen Lesart zusammen“, gibt Gendertheoretikerin Katja Kauer zu bedenken. „Immerhin werden Frauen in der Sozialkultur des 18. Jahrhunderts, und in manchen Zusammenhängen auch heute noch, als das schwächere Geschlecht männlicher Obhut anheimgestellt.“ Dient die Überhöhung von Frauen nur dazu, sie in einer bestimmten Emotionskultur eingeschlossen zu halten? Als Gegenpol zum Mann, der „draußen“ sein Unwesen treibt, muss sie in der heimischen Sphäre zwischen Herd und Familie verbleiben. „Das ist am Ende auch nur eine Form sanktionierender Geschlechterpolitik: Es gibt diese Huldigung der Frau, das ist nicht zu leugnen. Gleichzeitig wird sie dadurch sozial eingesperrt und passiv gemacht“, unterstreicht Kauer.

„Da steckt noch ganz viel 18. Jahrhundert in uns.“

Vertret. Prof. Dr. Katja Kauer, Gendertheoretikerin

Outlaws und Racheengel

Bis in die heutige Zeit handelt es sich dabei auch um Kippfiguren, stellen die beiden Forschenden heraus: Je nach Sichtweise und Kontext wird der regellose, aber gefeierte Rockstar zum hochproblematischen Rüpel. „Alles eine Sache des popkulturellen Framings“, so Kauer. Die Frau wiederum muss nicht in ihrer moralischen Idealisierung als „Retterin“ verharren; verletzt von toxischen Männern, darf sie zum Racheengel werden: „Die mordende Frau wird legitimiert durch das Leid, das sie von Männern erfahren hat – ein popkulturelles Schema, das heute wirklich überbordend vorkommt“, sagt Steiner. „Ein Beispiel ist etwa der Disney-Film Maleficent.“ Das Treiben der eigentlich bösen Dornröschen-Fee werde hier auf Verletzungen durch Männer zurückgeführt – und damit gerechtfertigt.

Geschlechterfrage vorgeschoben?

Von männlichen Incels, die für ihre sexuelle Einsamkeit das andere Geschlecht verantwortlich machen, bis zu weiblichen Tradwives, die ihre eheliche Unterordnung inszenieren – die heutige Internetkultur kennt allerlei männliche und weibliche „Overperformances“. Doch so aktuell die Debatte um toxische Männer und Frauen erscheint, für Katja Kauer ist klar: „Da steckt noch ganz viel 18. Jahrhundert in uns. Den großen gesellschaftspolitischen Fortschritt, den wir in unserer spätmodernen Kultur behaupten, können wir in unseren herkömmlichen Geschlechterpraktiken gar nicht einlösen.“ Für die Forschenden stellt sich die Frage, ob hinter den oberflächlichen Geschlechterzuschreibungen nicht eine tiefere und viel komplexere Problemebene steckt: „Warum reden wir überhaupt seit Jahrhunderten so obsessiv übers Geschlecht?“, möchte Uwe Steiner wissen und zieht sein medienwissenschaftliches Fazit: „Vielleicht meinen wir ja etwas ganz anderes. Verhältnisse, die in Wahrheit viel komplizierter sind, sich aber bequem auf Geschlechter-Semantiken übertragen lassen – weil wir eben alle zu wissen glauben, wie Frauen und Männer ticken.“

 

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Benedikt Reuse | 21.01.2026