Mediale Phänomene außerhalb der Gattungsordnung
Prof. Michael Niehaus beschäftigt sich als Literaturwissenschaftler mit Erzählstrukturen. Jetzt wird er emeritiert.
Foto: FernUniversität
Als Michael Niehaus 2014 an die FernUniversität kam, schloss sich am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften eine Lücke: Als Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienästhetik richtete er seine Aufmerksamkeit in Forschung und Lehre auf Erzählstrukturen, mediale Formen und literarische Phänomene, die sich jenseits klassischer Gattungsgrenzen bewegen.
Besonders prägend war seine Beschäftigung mit intermedialen Erzählformen sowie mit seriellen Formaten. „TV-Serien arbeiten mit der Variation des Immergleichen. Oftmals werden Charaktere durch die Erzählung begleitet, das schafft Bindung“, erklärte Niehaus. Dies sei ein Phänomen, das in der Literatur- und Medienwissenschaft derzeit lebhaft diskutiert werde. Darüber hinaus sei aber auch das Verhältnis dieser neuen Formate zu dem interessant, was oft als „Einfache Formen“ bezeichneten bezeichnet wird –„also Anekdoten, Sagen, Legenden oder Mythen, die vor allem durch mündliche Überlieferungen weitergetragen werden“ und die bis heute kulturelle Wirkmacht entfalten.
Die Studierenden sind das Tollste an der FernUni.
Prof. Michael Niehaus, Literaturwissenschaftler
Im Rückblick erinnert er sich daran, dass in seine Startphase die literatur- und kulturwissenschaftliche Tagung zum Thema Fernweh fiel. „So hatte ich gleich die Möglichkeit, viele Studierende kennenzulernen. Das war ein sehr guter Einstieg für mich“, sagt Niehaus – und hat ihn gleich zu Beginn für die Gattung FernUni-Studierende eingenommen. „Sie sind das Tollste an der FernUni. Motivierte, interessante Menschen, die selbstständig arbeiten und schnell eine konturierte Vorstellung von den Anforderungen an sie haben.“ Die meisten stehen mitten im Leben, studieren neben dem Job und bringen ihre beruflichen Erfahrungen ein. „In einem Seminar zu Fotografie in der Literatur sitzt mit Sicherheit ein Fotograf.“ Den Kontakt zu den Studierenden wird Niehaus nicht so schnell verlieren, noch hat er Hausarbeiten in Korrektur, betreut Abschlussarbeiten und Dissertationen. „Außerdem will ich wissenschaftliche Projekte weiterverfolgen“ und noch einige Bücher schreiben, skizziert er seine Pläne für die Pensionierung.
Zwischen Hörsaal und Klassenzimmer
Zunächst hatte Michael Niehaus in Freiburg ‚auf Lehramt‘ studiert, dann promovierte und habilitierte er sich – und kehrte doch zurück in den Schuldienst. Aber nur vorübergehend. Academia war stärker. Über verschiedene universitäre Stationen im Ruhrgebiet und in Ostwestfalen kam er schließlich zur FernUni. „Ich habe hier sehr gern gearbeitet“, sagte er im Verabschiedungsgespräch mit Rektor Prof. Stefan Stürmer. Der wiederum dankte Niehaus für sein Engagement und bescheinigte dem Institut für Neuere deutsche Literatur und Medienwissenschaft, „sehr viele Akzente zu setzen“.
Wissenswert
Dazu beigetragen hat auch das „Archiv des Beispiels“, das Prof. Niehaus zusammen mit seinem Kollegen Prof. Risthaus geleitet hat. „Das Beispiel ist eine literarische Form“, macht Niehaus deutlich, „weil gerade scheinbar nebensächliche Textbestandteile wie eingeflochtene oder ausführlich diskutierte Beispiele literarische Qualität besitzen.“ Sie machen Texte nicht nur anschaulich, sondern „führen Erkenntnisprozesse herbei“. Ähnlich hat Niehaus mit seinem Team die Ratgeberliteratur beforscht: „Auf der einen Seite hat Ratgeber-Literatur oftmals selbst eine literarische Form, auf der anderen Seite besitzt der Rat als Sprechakt eine narrative Dimension.“ Beide Themenschwerpunkte wurden von ihm auch in Forschungsprojekten der DFG verfolgt, aus denen wiederum Bücher entstanden.
Eigenständiger Masterstudiengang
In Niehaus‘ Dienstzeit fiel auch die Einführung des eigenständigen Master-Studiengangs Neuere deutsche Literatur im medienkulturellen Kontext zum Wintersemester 2018/2019. „Das war eine spannende Herausforderung, einen Studiengang zu etablieren“, erinnert sich Niehaus. Der Master läuft seitdem erfolgreich. „Er ist nachgefragt, und in letzter Zeit noch mehr“, freut sich der frisch emeritierte Wissenschaftler.