Multitasking: Wenn zwei Aufgaben konkurrieren
Eine neue Studie zeigt: Auch trainierte Doppelaufgaben laufen nicht völlig parallel ab. Ein kognitiver Flaschenhals bleibt selbst nach Übung – mit Folgen für Alltag und Sicherheit.
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Zwei Dinge gleichzeitig erledigen? Viele von uns tun es täglich und sind überzeugt, darin echte Profis zu sein. Doch was nach mühelosem gleichzeitigem Ablauf aussieht, ist in unserem kognitiven System offenbar ein komplexer Balanceakt. Das zeigt eine neue Kooperationsstudie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der FernUniversität in Hagen und der Medical School Hamburg, an der Prof. Dr. Roman Liepelt von der FernUniversität in Hagen beteiligt ist.
Ein hartnäckiger Flaschenhals
In drei Experimenten untersuchten die Forschenden, wie Menschen visuell-manuelle und auditorisch-verbale Aufgaben gleichzeitig bewältigen – sowohl spontan als auch nach intensiver Übung. Frühere Studien hatten nahegelegt, dass sogenannte Doppelaufgaben-Kosten, also Leistungseinbußen beim gleichzeitigen Bearbeiten zweier Aufgaben, nach Übung fast vollständig verschwinden könnten. Dieses als Virtually Perfect Time Sharing bekannte Phänomen galt lange als Hinweis auf echte Parallelverarbeitung im Gehirn.
Zur Studie
Schubert, T., Liepelt, R., & Strobach, T. (2025). EXPRESS: Evidence for a latent bottleneck after extensive dual-task practice of a visual-manual and an auditory-verbal task. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 0(ja). doi.org/10.1177/17470218251396870
Die aktuellen Ergebnisse stellen diese Annahme jedoch infrage. Zwar konnten die Teilnehmenden nach dem Training beide Aufgaben nahezu fehlerfrei und schnell lösen. Die Daten zeigen jedoch, dass die zugrunde liegenden kognitiven Prozesse weiterhin nicht vollständig parallel ablaufen.
„Unsere Befunde legen nahe, dass Multitasking im Alltag – etwa beim Autofahren und gleichzeitigen Telefonieren – auch nach viel Übung nicht so parallel abläuft, wie man bisher angenommen hat“, erklärt Erstautor Prof. Dr. Torsten Schubert von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Auch bei nahezu fehlerfreier und schneller Leistung bleibt ein zentraler kognitiver Flaschenhals bestehen, der durch Übung nur reorganisiert, aber nicht aufgehoben wird.“
Relevanz für Alltag und Sicherheit
Damit erhält auch die Sicherheitsforschung neue Impulse. „Die Ergebnisse liefern nicht nur wichtige Erkenntnisse für die Grundlagenforschung, sondern haben auch praktische Relevanz: Sie verdeutlichen, warum Multitasking im Alltag trotz Routine oft riskant sein kann“, so Prof. Dr. Tilo Strobach von der Medical School Hamburg.
„Unsere Studie rückt die Grenzen menschlicher Informationsverarbeitung in ein neues Licht“, ergänzt Prof. Dr. Roman Liepelt. „Das Verständnis solcher kognitiver Bottlenecks ist entscheidend, um Arbeitsprozesse, Lernumgebungen und auch Sicherheitsmaßnahmen im Alltag besser gestalten zu können.“
Die Ergebnisse der Kooperationsstudie sind im Quarterly Journal of Experimental Psychology erschienen.