Digitale Freiheit oder neue Abhängigkeiten?

Die FernUni verleiht Christian Leineweber die Venia Legendi. In seiner Forschung geht es um gesellschaftlich relevante Fragen zu Bildungsprozessen in einer digitalisierten Welt.


Juniorprofessor Christian Leineweber ist Bildungstheoretiker und Medienpädagoge. Er untersucht, wie sich Lern- und Bildungsprozesse in der digitalen Gesellschaft verändern – und was das für unsere Autonomie und Entscheidungsfreiheit bedeutet.

Eine Frau und zwei Männer stehen in einem Raum. In der Mitte hält Christian Leineweber eine Urkunde. Foto: FernUniversität
Bei der Verleihung der Venia Legendi: Prorektorin Prof. Dr. Claudia de Witt, Juniorprofessor Christian Leineweber (Mitte) und Prof. Dr. Michael Stoiber, Dekan der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften.

Der Wahl-Bochumer ist 2013 an die FernUniversität nach Hagen gekommen. Zuvor studierte er Pädagogik und Soziologie in Darmstadt und entwickelte dort ein starkes Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten. „Nach Abschluss meines Studiums suchte ich nach beruflichen Möglichkeiten im Wissenschaftsbetrieb und bewarb mich auf eine Stelle im Lehrgebiet Bildungstheorie und Medienpädagogik bei Prof. Dr. Claudia de Witt.“ Abgesehen von einem Jahr als Vertretungsprofessor in Münster war Leineweber über zehn Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FernUniversität tätig. Im November 2025 erhielt er die Venia Legendi für Erziehungs- und Bildungswissenschaft.

Habilitation an der FernUniversität

Christian Leineweber forschte und lehrte an der der FernUniversität. Neben der Mitwirkung in verschiedenen Gremien betreute er zahlreiche Abschlussarbeiten. Zudem war er am Aufbau einer virtuellen Plattform für Studierende beteiligt, die diese beim wissenschaftlichen Arbeiten unterstützt. Von Beginn an engagierte er sich außerdem im Forschungsschwerpunkt „digitale_kultur“. „Die Lehre in Hagen hat mir großen Spaß gemacht und das Umfeld am Lehrgebiet Bildungstheorie und Medienpädagogik war ideal für meine Forschungsinteressen. Claudia de Witt war zudem eine stetige Förderin und hat mich sehr unterstützt.“ Im Mittelpunkt seiner Habilitationsschrift steht ein bildungstheoretisches Thema, das ihn bereits seit seiner Dissertation begleitet: die Frage nach Autonomie und selbstbestimmten Lern- und Bildungsprozessen in der digitalen Gesellschaft: „Es geht darum, wie frei wir in einer digitalen Gesellschaft leben können, die sich immer mehr verkompliziert und zugleich schnelllebiger wird“, erklärt der Juniorprofessor.

Wie weit reicht unsere tatsächliche Freiheit?

In der aktuellen Diskussion um eine digitale Bildung existieren zwei grundlegende Perspektiven: Die eine hebt die Chancen digitaler Medien hervor, die andere warnt vor ihren Risiken. Leineweber hat sich damit beschäftigt, wie beide Sichtweisen stärker zusammengedacht werden können: „Wie bei vielen Themen gibt es auch hier positive und negative Seiten. Gerade im Digitalen zeichnet sich jedoch zunehmend ab, dass unsere vermeintliche Freiheit zunehmend problematisch werden kann." Die digitale Welt eröffne neue Möglichkeiten, die unter ambivalenten Gesichtspunkten reflektiert werden müssen. „Ein anschauliches Beispiel ist das abendliche Surfen in sozialen Medien, bei dem man oft in einem positiven Sinne die Zeit aus den Augen verliert und sich danach jedoch oftmals eher schlecht als beflügelt fühlt.“ Hinzu komme eine Vielzahl lebensweltlicher Möglichkeiten, die Menschen überfordern und dazu beitragen, dass gesellschaftliche Normen und Werte immer stärker infrage gestellt werden. Gerade in spätmodernen, westlichen Gesellschaften können und müssen wir immer mehr selbst entscheiden: über Beruf, Wohnort und Lebensstil.

Gerade vor dem Hintergrund wachsender Möglichkeiten müssen Menschen immer stärker reflektieren, was sie wirklich wollen, was ihre Träume sind und wie diese sich realisieren lassen.

Juniorprofessor Christian Leineweber

Leistungsdruck und wenig Orientierung

Insbesondere durch die Analyse algorithmischer und KI-gestützter Lernsysteme konnte Leineweber beobachten, dass digitale Bildung häufig wettbewerbs- und ergebnisorientiert konzipiert ist. Auf Social Media wird Anerkennung über Likes gemessen, in Bildungskontexten über Noten. Beim digitalen Lernen scheinen beide Tendenzen zunehmend zusammenzufallen – und dabei neue Abhängigkeiten zu erzeugen: „Wer sich etwa auf digitalen Lernplattformen stark von guten Ergebnissen und maschinellen Empfehlungen leiten lässt, fühlt sein Handeln womöglich bestätigt, ist jedoch in gewisser Weise technisch geleitet und letztlich fremdbestimmt“, erläutert Leineweber. Darüber hinaus beobachtet er einen zunehmenden Leistungsdruck – insbesondere bei jungen Menschen. Neue technologische Möglichkeiten hätten so auch problematische Seiten und können Überforderung und Orientierungslosigkeit fördern. Leineweber sieht diese Beobachtungen in einem engen Zusammenhang zu gesamtgesellschaftlichen Problemlagen: „In der Politik gibt es derzeit starke Bewegungen in populistische Felder hinein. Das lässt sich unter anderem damit erklären, dass Menschen von ihren Freiheiten in gewisser Weise überfordert sind und folglich nach neuer Orientierung suchen.“

Was möchten wir wirklich?

Leineweber geht es nicht darum, neu gewonnene Freiheiten in der digitalen Gesellschaft grundsätzlich zu problematisieren, sondern zu hinterfragen, inwiefern das, was wir vermeintlich als Freiheit erleben, wirklich selbstbestimmt ist. Seine Forschung versteht er als Einladung zur medienpädagogischen und persönlichen Selbstreflexion. „Gerade vor dem Hintergrund wachsender Möglichkeiten müssen Menschen immer stärker reflektieren, was sie wirklich wollen, was ihre Träume sind und wie diese sich realisieren lassen können.“ Dazu gehöre auch, sich vom gesellschaftlichen Leistungsdruck zu distanzieren und bewusster zu fragen, welches Leben man eigentlich führen möchte. Bildungsinstitutionen müssen hierfür Orientierung bieten – neben fachlichen Inhalten sollten stets auch individuelle Interessen und Stärken systematisch in den Blick genommen werden.

Anregungen durch Studierende

Seit September 2024 ist Christian Leineweber Juniorprofessor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Bildung und Digitalität an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Sein Arbeitsalltag hat sich an einer Präsenzuniversität verändert: „Ich sehe die Studierenden jetzt regelmäßiger und arbeite kontinuierlicher mit ihnen in Lehr- und Forschungsprojekten zusammen. Ihre kritischen Nachfragen fordern mich immer heraus“, schmunzelt Leineweber. In Hagen war insbesondere seine Lehre zeitlich etwas flexibler – auch wenn es natürlich viele feste Termine gab. Der FernUniversität wird er neben seiner Tätigkeit als Juniorprofessor als Privatdozent erhalten bleiben: „Für meine Lehre ist es besonders wertvoll, beide Seiten kennengelernt zu haben – die Arbeit an einer Fern- und einer Präsenzuniversität. Das ist sehr fruchtbar für mein Denken.“ Die wissenschaftlichen Fragen, mit denen sich Christian Leineweber beschäftigt, sind welche, die nie abschließend geklärt werden können. Sie müssen immer wieder unter neuen Bedingungen und im rasanten Wandel der Digitalisierung betrachtet werden – und genau das treibt seine Arbeit an.

 

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Presse | 21.01.2026