Barrierefreiheit gemeinsam denken, gestalten und erleben

Anja Friebel ist Hochschulbeauftragte für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkankung und blickt im Interview auf den Global Accessibility Awareness Day (GAAD) zurück.


Illustration mit der Aufschrift: Barrierefreiheit, gemeinsam denken, gestalten und erleben. Foto: FernUniversität

Barriefreiheit gemeinsam denken, gestalten und erleben: So lautete das Motto des Global Accessibility Awareness Day (GAAD) an der FernUniversität. Seit 2012 ist der GAAD ein weltweiter Aktionstag im Mai, an dem überall auf der Welt Veranstaltungen zum Thema „Digitale Barrierefreiheit“ stattfinden. Anja Friebel ist Hochschulbeauftragte für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkankung an der FernUni und blickt im Interview auf den GAAD zurück.

FernUniversität: Der GAAD 2026 stand unter dem Motto, Barrierefreiheit gemeinsam zu denken, zu gestalten und zu erleben. Was war Ihnen dabei persönlich besonders wichtig?
Anja Friebel: Mir war besonders wichtig, sichtbar zu machen, dass viele Barrieren nicht aus Absicht entstehen, sondern im Arbeitsalltag unbemerkt „mitlaufen“ – und sich oft mit einfachen Mitteln vermeiden lassen. Gerade wenn Materialien unter Zeitdruck entstehen und Prozesse eingespielt sind, wird Barrierefreiheit häufig erst am Ende mitgedacht – dabei wirkt sie die ganze Zeit. Das Motto „denken, gestalten und erleben“ stand für mich deshalb für einen ganzheitlichen Ansatz: Bewusstsein schaffen, konkrete Umsetzung stärken und Perspektivwechsel ermöglichen. Barrierefreiheit ist für mich nicht nur eine technische Anforderung, sondern auch eine Frage von Haltung, Zusammenarbeit und kontinuierlichem Lernen.

FernUniversität: Welche Programmpunkte haben aus Ihrer Sicht besonders gut funktioniert?
Anja Friebel: Sehr gut funktioniert hat aus meiner Sicht die Mischung aus Impulsen, praktischen Einblicken und interaktiven Formaten – weil sie einen niedrigschwelligen Zugang ermöglicht und gleichzeitig Anknüpfungspunkte für den Arbeitsalltag liefert. Inhaltlich war das Programm deshalb stark, weil es nicht „Perfektion“ gefordert hat, sondern praxistaugliche Ansätze in den Mittelpunkt stellte. Besonders wertvoll fand ich die Beispiele zu Grundsätzen digitaler Barrierefreiheit sowie den Blick darauf, wie KI-gestützte Bildbeschreibungen als Unterstützung in Arbeitsprozessen genutzt werden können. Auch der Austausch zu barrierearmen Datenberichten hat gezeigt, wie breit das Thema in Lehre, Kommunikation und Verwaltung verankert ist. Ein wichtiger Schlusspunkt war zudem der Impuls zum Universal Design for Learning, der Barrierefreiheit als nachhaltiges Lehr- und Lernprinzip greifbar gemacht hat.

FernUniversität: Die „Blind Experience“ mit dem Tactonom Communicator sollte Barrieren unmittelbar erfahrbar machen. Welche Reaktionen haben Sie darauf erlebt?
Anja Friebel: Sehr bewegend war der Moment, wo die Teilnehmenden gebeten wurden, kurz die Augen zu schließen. Hier wurden in einem Zoom-Meeting beispielhaft die Schwierigkeiten sehbeeinträchtigter und blinder Studierender verdeutlicht: Wie fühlt sich digitale Lehre an, wenn man nicht sehen kann? Diese „Blind Experience“ war für viele Teilnehmende ein eindrücklicher Perspektivwechsel, weil Barrieren in Videokonferenzen nicht nur beschrieben, sondern unmittelbar erlebt wurden. Dieses erfahrungsorientierte Format hat deutlich gemacht, wie schnell im digitalen Raum Ausschlüsse entstehen – und wie stark kleine, konsequente Maßnahmen die Teilhabe verbessern können. In der Reflexion habe ich viel Offenheit erlebt: Viele Rückmeldungen gingen in Richtung „Das nehme ich konkret für meinen Arbeitsalltag mit“. Der Tactonom Communicator ist ein Beispiel, wie technische Innovation und didaktisches Verständnis zusammenkommen können, um digitale Fernlehre zugänglicher zu machen.

FernUniversität: Welche Rolle spielte der Austausch zwischen verschiedenen Bereichen der Universität – also Lehre, Verwaltung und Technik?
Anja Friebel: Der Austausch war zentral, weil Barrierefreiheit im Alltag nicht „in einem Bereich“ entsteht, sondern entlang kompletter Prozessketten – von der Erstellung von Materialien über Systeme und Plattformen bis zur Kommunikation.
Ich fand es sehr hilfreich, dass das Programm unterschiedliche Perspektiven zusammengebracht hat und zum Austausch eingeladen hat. Denn Barrierefreiheit wird dann wirksam, wenn wir sie als selbstverständlichen Bestandteil digitaler Lehre und digitaler Zusammenarbeit verstehen – und nicht als „Zusatzaufgabe am Ende“. Als Hochschulbeauftragte erlebe ich an vielen Stellen bereits großes Engagement und gute Ideen. Mein Wunsch ist, dass wir diese Ansätze noch sichtbarer machen, stärker vernetzen und systematischer teilen.

FernUniversität: Wo begegnen Studierenden mit Behinderung oder chronischer Erkrankung im digitalen Hochschulalltag noch immer die größten Hürden?
Anja Friebel: Hürden entstehen besonders dort, wo Barrierefreiheit nicht von Beginn an eingeplant wird – also, wenn Strukturen, Formate und Tools erst im Nachhinein „repariert“ werden müssen. Typische Beispiele sind nicht sauber strukturierte Dokumente, fehlende oder unpassende Alternativtexte, Videos ohne Untertitel/Transkript oder Prüfungs- und Abgabeprozesse, die wenig Flexibilität zulassen. Erschwerend kommt hinzu, dass heterogene Tools nicht immer zuverlässig mit assistiven Technologien kompatibel sind. Wichtig ist mir dabei die Botschaft: Barrierefreiheit ist kein „Spezialthema“, sondern ein Qualitätsmerkmal – und sie gelingt am besten mit klaren Zuständigkeiten, Standards und frühzeitiger Einbindung.

FernUniversität: Warum profitieren eigentlich alle von barrierearmen digitalen Angeboten – nicht nur Menschen mit Behinderung?
Anja Friebel: Barrierearme Angebote machen Inhalte klarer, Dokumente besser nutzbar und digitale Abläufe insgesamt robuster – das hilft allen, nicht nur einzelnen Zielgruppen. Ganz pragmatisch spart barrierearme Gestaltung häufig Rückfragen und Nacharbeit, weil Informationen schneller und zuverlässiger bei allen ankommen. Ich sehe Barrierefreiheit deshalb als gelebte Qualitätskultur: Sie unterstützt konzentriertes Lernen, effizientes Arbeiten und eine respektvolle Kommunikation – und damit unseren Anspruch, Teilhabe für alle Hochschulangehörigen zu ermöglichen.

Praxistaugliche Impulse und Motivation für Mitarbeitende

Anja Friebel Foto: Ingrid Lacher
Anja Friebel ist Hochschulbeauftragte für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkankung.

FernUniversität: Beim GAAD ging es auch um Künstliche Intelligenz. Welche Chancen sehen Sie dort für mehr Barrierefreiheit?
Anja Friebel: KI kann Barrierefreiheit sinnvoll unterstützen – zum Beispiel indem sie erste Entwürfe für Bildbeschreibungen liefert oder bei Strukturierung, Zusammenfassungen und sprachlicher Vereinfachung hilft. Im Programm wurde das anhand KI-gestützter Bildbeschreibungen konkret gezeigt. Wichtig ist mir dabei die Einordnung: KI ist ein Werkzeug, aber keine „fertige Lösung“ – Ergebnisse müssen geprüft, kontextualisiert und bei Bedarf korrigiert werden. Wenn wir KI so einsetzen, dass Qualität, Datenschutz und Verlässlichkeit mitgedacht werden, kann sie Prozesse entlasten und Barrierefreiheit in der Breite schneller voranbringen.

FernUniversität: Welche nächsten Schritte wünschen Sie sich für die FernUniversität beim Thema Barrierefreiheit? Gibt es Projekte oder Ideen, die durch den GAAD neu angestoßen wurden?
Anja Friebel: Ich wünsche mir, dass wir Barrierefreiheit noch konsequenter als Bestandteil guter digitaler Lehre und guter digitaler Verwaltung verankern – also nicht als „letzten Schritt“, sondern als Standard von Anfang an. Der GAAD hat dafür viele praxistaugliche Impulse gegeben, die sich in Lehre, Kommunikation und Verwaltung aufgreifen lassen. Aus den Rückmeldungen nehme ich mit, dass kurze, anwendungsnahe Formate gefragt sind – und dass erlebnisorientierte Elemente den Perspektivwechsel wirksam unterstützen. Wenn wir diese Ansätze weiterführen, stärken wir nicht nur die Teilhabe, sondern auch die Qualität und Effizienz unserer Prozesse – und nehmen möglichst viele Kolleginnen und Kollegen motivierend mit.

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