Warum Krisen nicht automatisch zu Bildung führen

Probleme erkennen wir längst – nur ändern wir wenig. Wissen allein verändert unser Denken und Handeln nicht. Hier setzt transformative Bildung an.


In den Nachrichten lesen wir über die Klimakrise, Kriege oder soziale Spannungen – wir wissen Bescheid, kennen uns aus. Unseren Alltag ändern wir deshalb aber nicht. Wir kaufen weiterhin Produkte, für die Menschen ausgebeutet wurden, oder fahren Kurzstrecken mit einem alten Verbrenner. „Es gibt ein Spannungsfeld zwischen Wissen und Handeln. Wir wissen, dass es so nicht weitergehen kann – und machen es trotzdem“, sagt Prof. Dr. Christian Grabau. Genau hier setzt sein Verständnis von transformativer Bildung an.

Müll an einem Straßenrand Foto: vectorizer88 - stock.adobe.com
Wir wissen, dass es so nicht weitergehen kann – und machen es trotzdem.

Zum Thema „Anders leben lernen. Transformative Bildung für nachhaltige Entwicklung im Zeitalter multipler Krisen“ hat der Leiter des Lehrgebiets Allgemeine Bildungswissenschaft an der FernUniversität in Hagen einen Vortrag innerhalb der Ringvorlesung des Forschungsschwerpunkts E/U/N (Energie, Umwelt & Nachhaltigkeit) gehalten.

Ausgangspunkt waren für ihn unter anderem die 17 Nachhaltigkeitsziele der UNESCO. Dort heißt es: „Was wir wissen, woran wir glauben und was wir tun, muss sich ändern. Was wir bislang gelernt haben, hat uns nicht auf diese Herausforderungen vorbereitet. So kann es nicht weitergehen. Und die Chance verstreicht schnell. Wir müssen dringend lernen, anders zu leben.“

Wir lernen immer

Klassische Vorstellungen in der Bildungswissenschaft gehen eigentlich davon aus, dass Krisen automatisch Lernprozesse anstoßen, die helfen, mit ihnen umzugehen. Doch genau das passiere oft nicht. Menschen lernen zwar permanent – aber nicht unbedingt in Richtung Veränderung. Denn sie lernen auch, Widersprüche auszuhalten, Routinen beizubehalten, unbequeme Erkenntnisse auszublenden oder im Wunsch zu stagnieren, die Gegenwart zu verlängern.

christian-grabau Foto: Volker Wiciok
Prof. Christian Grabau

Solche Prozesse zeigen: Lernen ist nicht automatisch „gut“ oder im Sinne von Transformation wirksam. Es kann auch stabilisieren, verfestigen oder sogar zu gesellschaftlichen Fehlentwicklungen beitragen. „Will Bildung hier eingreifen, muss sie mehr leisten, als bloß Informationen zu vermitteln.“

An dieser Stelle setzt der Ansatz der „transformativen Bildung“ an. Für Grabau ist sie natürlich nicht das alleinige Allheilmittel für alle Krisen – aber sie kann Menschen befähigen, mit ihnen umzugehen. Bildung muss dafür mehr sein als Wissensvermittlung oder Kompetenzaufbau – also mehr als das, was etwa in PISA-Studien gemessen wird. Sie verändert die grundlegenden Deutungsmuster, mit denen Menschen sich in der Welt orientieren.

„Bildung heißt, sich zu den eigenen Verhältnissen ins Verhältnis zu setzen“, so Grabau. Gemeint ist damit die Fähigkeit, eigene Gewissheiten zu hinterfragen, neue Perspektiven zu entwickeln und das eigene Handeln in größere Zusammenhänge einzuordnen.

Bildung muss Räume schaffen

In der Pädagogik sind solche Ansätze keineswegs neu. Demokratische, dialogische und partizipative Konzepte – etwa von John Dewey, Paulo Freire oder bell hooks – betonen seit langem die Bedeutung von Austausch, Mitgestaltung und kritischem Denken. Das Problem liege daher weniger im Fehlen dieser Ideen als in ihrer geringen Bedeutung im Bildungssystem. „Eine Gesellschaft, die möchte, dass Menschen veränderungsbereit sind, muss in entsprechende Bildung investieren. Sie muss Räume für Ideen und Erfahrungen schaffen.“ Dass dies so schwierig ist, liegt auch daran, dass es sich um ein klassisches Henne-Ei-Problem handelt: Denn neue Bildungsziele entstehen nur in Abhängigkeit von gesellschaftlichen Vorstellungen, prägen diese aber auch zugleich.

Neues Modul im Bachelor Bildungswissenschaft

Damit dieser Ansatz zukünftig in der Ausbildung angehender Bildungswissenschaftler:innen an der FernUniversität berücksichtigt wird, hat Christian Grabau gemeinsam mit dem Team des Lehrgebiets und seiner Kollegin Prof. Dr. Eva Cendon ein neues Modul für den Bachelor Bildungswissenschaft entwickelt, das erstmals im kommenden Wintersemester angeboten wird: „Transformative Bildung in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter“.

Das Modul beleuchtet, welche Rolle Bildung angesichts ökologischer, sozialer und politischer Krisen für gesellschaftliche Transformationsprozesse spielt und wie sie Menschen befähigen kann, Wandel kritisch, reflektiert und verantwortlich mitzugestalten. Im Fokus stehen Ansätze transformativer, dialogischer Bildung, die über reine Wissensvermittlung hinausgehen. „Es ist uns wichtig, dass die Studierenden nicht nur bestehende Ansätze kennenlernen, sondern auch eigene Konzepte entwickeln und darüber nachdenken, unter welchen Bedingungen Bildung gesellschaftliche Veränderungen überhaupt ermöglichen kann.“

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