Nachhaltig pilgern

Die Sozialwissenschaftler Dr. Christian Kurrat und Dr. Patrick Heiser sprechen im Interview über Pilger-Typen, die Rolle der Religon und Pilger-Tattoos.


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Ankunft in Santiago de Compostela. 2017 wurden erstmals mehr als 300 000 Pilgerinnen und Pilger registriert.

Das Pilgern auf den Jakobswegen hat in beeindruckender Weise an Popularität gewonnen. 2017 wurden zum ersten Mal mehr als 300 000 Pilgerinnen und Pilger in Santiago de Compostela registriert. Für die kommenden Jahre wird eine Steigerung der Pilgerzahlen von rund acht Prozent pro Jahr erwartet. Dr. Christian Kurrat und Dr. Patrick Heiser, beide Sozialwissenschaftler an der FernUniversität in Hagen, forschen zum Pilgern und sind selbst auf dem Camino de Santiago unterwegs gewesen. Im Interview sprechen sie über unterschiedliche Pilger-Typen, die Rolle der Religion und Pilger-Tattoos.

Warum pilgern Menschen?

Christian Kurrat. Insbesondere Menschen in Westeuropa machen sich in typischen biografischen Situationen auf den Weg. Viele pilgern, um Krisen zu bewältigen, biografische Übergänge zu gestalten und ihr Leben zu reflektieren oder zu bilanzieren. Das geschieht im Austausch mit anderen Pilgernden.

Patrick Heiser: Wir unterschieden insgesamt fünf Typen. Es gibt die Bilanzierer. Das sind meist ältere Frauen und Männer, die das Ende ihres Lebens in den Blick genommen haben. Es können aber auch jüngere Menschen sein, die schwer erkrankt sind und die Rückschau halten möchten. Dann gibt es Menschen, die eine Krise in der nahen Vergangenheit bewältigen wollen, zum Beispiel den Tod eines nahen Angehörigen. Dazu gibt es den Typ, der einen Neustart plant und dafür seinen Job kündigt oder seine Beziehung beendet. Ein weiterer Typ sind die Übergangspilger, die markante Wendepunkte im Leben rituell begleiten wollen und Inspiration suchen für den neuen Lebensabschnitt. Zum Beispiel für den Übergang zwischen Studium und Arbeitsleben oder Arbeitsleben und Rente. Dem Typ Auszeit geht es darum, aus dem Alltag auszubrechen und Prioritäten zu verändern.

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Parallel zu ihrer Forschung integrieren Dr. Christian Kurrat (links) und Dr. Patrick Heiser das Thema „Pilgern“ seit vielen Jahren in die FernUni-Lehre.

Inwiefern spielt Religion dabei überhaupt noch eine Rolle?

Heiser: Wir gehen unsere Forschung interdisziplinär an. Aus biografischer und religionssoziologischer Perspektive. Pilgernde greifen auch in der heutigen Zeit, also in der späten Moderne, auf eine religiöse Praxis zurück. Diese wird jedoch nur noch mittelbar von der katholischen Kirche beeinflusst. Neben dem Pilgern ist Fasten ein Thema, das in eine ähnliche Richtung geht. Einerseits gibt es eine Tradition, die für Evidenz bürgt. Andererseits gestalten Menschen diese religiösen Praktiken individuell. Das Pilgern bewegt sich also zwischen individueller Gestaltung und religiöser Tradition. Beides ist wichtig, um die Popularität zu erklären.

Was verändert sich für die Pilgerinnen und Pilger nach der Rückkehr in den Alltag?

Kurrat: Für viele Menschen hat das Pilgern eine hohe biografische Relevanz. Menschen machen dort eine Kontrasterfahrung, die sie sonst nicht erleben. Lebensanschauungen und Berufsbiografien verändern sich. Das ist Teil meiner Anschlussforschung, einer qualitativen Längsschnittstudie zu der Frage, wie sich biografische Prozessverläufe nach dem Pilgern entwickeln. In diesem Jahr stehen die ersten Folgeinterviews mit Pilgerinnen und Pilgern an. Wir wollen herausfinden, wie es zwei Jahre nach dem Pilgern in ihrem Leben weitergegangen ist. Das wird ein breites Spektrum sein. Von keinen bis hin zu kleinen und großen Veränderungen.

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Unterwegs auf dem Camino de Compostela: Der Weg ist das Ziel.

Viele Menschen kehren aktuell von ihrer Pilger-Reise mit einem Tattoo zurück. Sie führen dazu die erste wissenschaftliche Untersuchung durch. Was steckt dahinter?

Kurrat: Tattoos von Pilgern stammen ursprünglich aus Jerusalem, wo man sich im Mittelalter als Zeichen der vollbrachten Pilgerschaft tätowieren ließ. Das scheint nun auch nach Compostela überzugehen. In Santiago sprießen die Tattoo-Studios aus dem Boden. Vor zehn Jahren gab es nur ein Studio. Inzwischen sind es annähernd zehn. Sehr häufig taucht die Jakobsmuschel als Motiv auf. Sie ist das Erkennungszeichen der Jakobspilger. Insgesamt gibt es zu Tattoos wenig Forschung, zu Pilger-Tattoos gar keine.

Heiser: Allein diese Beobachtung ist ein Hinweis auf eine Nachhaltigkeit der Pilgerschaft. Offenbar haben die Menschen das Bedürfnis, etwas Dauerhaftes fest in den Körper Eingebranntes zu behalten.

Kurrat: Das Pilgern wird so zu einer Erfahrung, die unter die Haut geht.

Pilgern, Vortrag, Kirche im Europa-Park, Dr. Christian KurratFoto: Europa-Park

Seit fast zehn Jahren konzentriert sich die deutsche Pilgerforschung an der FernUniversität in Hagen. Parallel zu ihrer Forschung integrieren Christian Kurrat und Patrick Heiser das Thema „Pilgern“ seit vielen Jahren in die FernUni-Lehre, im laufenden Semester zum ersten Mal in einem Lehrforschungsprojekt. Aktuell arbeiten sie gemeinsam an einem Wissenschaftsfilm zum Pilgern. Für die Zukunft können sich die beiden Wissenschaftler eine Institutionalisierung der Pilgerforschung vorstellen. Sie sind weltweit bei Konferenzen vertreten, unter anderem an der University of Cambridge und am US-amerikanischen College of William & Mary. Außerdem halten sie Vorträge für die Öffentlichkeit, zuletzt etwa an der BürgerUniversität Coesfeld, beim Deutschen Evangelischen Kirchentag und in der Kirche des Europa-Parks Rust. Unser Foto zeigt (v.li.) Christian Kurrat (FernUni) bei der Veranstaltung "Muschel in Europa" des Freizeitparks mit Norbert Scheiwe (Vorsitzender der badischen Jakobusgesellschaft), Jürgen Mack (Geschäftsführender Gesellschafter Europa-Park) mit Ehefrau Mauritia Mack, Adrianus van Luyn (em. Bischof von Rotterdam), Carlos Medina Drescher (Generalkonsul Spanien) und Andreas Wilhelm (Pastoralreferent und Diakon der Kirche im Europa-Park).

Dr. Christian Kurrat ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Empirische Bildungsforschung (Prof. Dr. Julia Schütz). Im Jahr 2008 ist er zum ersten Mal den Camino de Santiago gepilgert. Er forscht zur biografischen Relevanz des Pilgerns.

Dr. Patrick Heiser ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Soziologische Gegenwartsdiagnosen (Prof. Dr. Uwe Vormbusch). Im Jahr 2012 ist er zum ersten Mal den Camino de Santiago gepilgert. Er forscht zu religiösen Praktiken, die auch in der späten Moderne auf Resonanz stoßen.

Carolin Annemüller | 10.07.2019