Kulturelle „Leitplanken“ für das individuelle Leben

Kultur ist existenziell für die Gesellschaft, so Prof. Frank Hillebrandt von der FernUniversität. Der Soziologe fordert eine teilweise staatliche Struktur für Veranstaltungen.


Foto: Andreas Kaspers
Fans aus Nah und Fern wollten „Extrabreit“ beim Campusfest der FernUniversität im Jahr 2018 sehen. Für viele waren die Wegbereiter der Neuen Deutschen Welle bereits vor 40 Jahren „kulturelle Leitplanken“.

Welche Bedeutung hat die Kultur für die Gesellschaft? Ist sie tatsächlich „systemrelevant“? Beides sind grundsätzliche Fragen, sie stellen sich jedoch verschärft im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Der Soziologie-Professor Dr. Frank Hillebrandt von der FernUniversität in Hagen sagt hierzu mit großem Nachdruck: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Lebensführung nicht vorgegeben ist, etwa durch die Geburt. Um die Form, in der wir ganz persönlich leben wollen, zu finden, brauchen wir das Kulturelle als Orientierungshilfe. Kultur ist damit grundsätzlich eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass wir unser Leben selbst nach unseren eigenen Vorstellungen gestalten können. Sie ist nicht nur systemrelevant, sie ist existentiell für unsere Gesellschaft!“

Foto: Volker Wiciok
Prof. Frank Hillebrandt

Beispielhaft macht der Leiter des Hagener Lehrgebietes Soziologie 1 – Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie das an Konzerten und Festivals fest: „Sie sind höchst wichtig, weil wir da genau die Menschen finden, mit denen zusammen wir unsere kulturellen Vorstellungen verwirklichen können. Wenn das nicht möglich ist, geht enorm viel verloren und letztendlich könnte unsere Gesellschaft an den Abgrund geführt werden.“

Soweit ist die Situation für den Wissenschaftler zurzeit aber nicht. Und damit dieser Fall auch nicht näher rückt, fordert Hillebrandt eine Struktur für kulturelle Veranstaltungen, „die ein Stück weit in staatlicher Hand ist“. Wenn nichts passiere, werde sich die Kunstszene in Deutschland sicher wieder durch die Corona-Pandemie verloren gegangene Räume erschließen, weil sie dafür kreativ genug ist. Aber es werde sehr lange dauern: „Jetzt große Kulturveranstaltungen, riesige Festivals zu veranstalten ist unverantwortlich, das wissen wir ja alle. Aber das heißt ja nicht, dass wir nicht überlegen müssen, wie wir solche Krisensituationen jetzt und in Zukunft besser bewältigen und dabei auch ganz anders vorgehen, als es bisher geschieht.“

Das Gefühl „Hier bin ich richtig“ haben

Einen wirklichen Ersatz für ausfallende Konzerte und Festivals durch virtuelle Formate sieht Hillebrandt nicht. Gerade die physische Präsenz, das Zusammenkommen, das Erlebnis, Musik zu hören, ist durch das Internet oder andere digitale Formen für ihn nicht zu ersetzen: „Physisches Zusammenkommen kann das durchaus körperliche Gefühl erzeugen, dass ‚ich hier richtig‘ bin, dass das ‚meine Veranstaltung‘ ist. Das ist ein unvergleichliches Gefühl!“ Und wenn man das nicht hat? „Dann geht man einfach nach Hause.“

Rückblickend lassen sich z.B. viele, oft tiefgehende Veränderungen als Folge der Musik und der Festivalkultur der 1960-er und 1970-er Jahre ebenso erkennen wie die Bedürfnisse, die sie stillten. Das zeigt z.B. das „Love-and-Peace-Festival“ 1970 auf Fehmarn.

Foto: Derek Redmond und Paul Campbell, WikiCommons
„Viele, die so sind wie ich“ beim Woodstock-Festival im August 1969.

Mit dem Nachfolgeereignis zu Woodstock haben sich Hillebrandt und seine Mitarbeiterin Amela Radetinac intensiv befasst. Den Hippies ging es damals darum, „es anders zu machen“ als üblich. Das hat sich bis in die heutige Ökonomie durchgesetzt, die Arbeitsstrukturen etwa sind oft ganz andere als vor 50 Jahren. In Gesellschaft und Politik sieht Hillebrandt einen direkten Weg von den „Blumenkindern“ über die Sponti-Bewegung zu den Grünen. Bei den Musikereignissen war jedoch nach den Erkenntnissen der beiden FernUni-Forschenden nicht die Musik der entscheidende Grund für die Popularität eines Festivals, sondern dass man viele um sich wusste, die ‚so sind wie ich‘. Das hört man auch von Woodstock-Zeitzeugen.“ Dagegen ist die Musik in der Erinnerung weniger wichtig.

Existenzielle Grundlage für offenes Zusammenleben

Kultur ist aus soziologischer Sicht also höchst relevant für das (Gesellschafts-)System, eine existenzielle Grundlage für pluralistisches, offenes Zusammenleben.

Deshalb hat Hillebrandt auch große Probleme mit der Diskussion über die Systemrelevanz: „Wer sagt, dass die Kultur diese Relevanz nicht hat, hat überhaupt keine Ahnung, in welcher Gesellschaft wir leben. Kultur und alle expressiven Formen, die wir darunter fassen, sind einfach unbedingt notwendig für unsere Gesellschaft.“ Seine große Sorge ist, dass – wenn sich die Situation nicht bessert – viele Veranstalter und Veranstalterinnen pleitegehen: „Und die kommen nicht wieder zurück, darüber müssen wir uns im Klaren sein.“

Eine längerfristige Lockdown-Situation würde damit auch Nachwuchskünstlerinnen und Nachwuchskünstlern die Chancen nehmen, bekannt zu werden, sich weiterzuentwickeln, erfolgreich zu werden und zu wirken.

„Etablierte“ Punker

Foto: MOTE Sinabel Aoki
Die „Einstürzenden Neubauten“ treten heute auch schon einmal im Anzug vor ihr Publikum.

Als Beispiel für diejenigen, denen das gelungen ist, nennt Hillebrandt die „Einstürzenden Neubauten“. Die experimentierfreudige Punkband der 1980-er Jahre wandte sich später u.a. dem Theater und Hörspielen zu. 2017 gehörten Blixa Bargeld & Co dann zu den ersten, die in der neuen Hamburger Elbphilharmonie ein Konzert gaben. „Früher waren sie ‚meine Punker‘“, erinnert sich Hillebrandt zurück, „und dann spielen die in dem Prestige-Objekt unserer Kulturlandschaft – so richtig etabliert.“

Wo soll sich der kulturelle Nachwuchs ausprobieren?

Intensiv hat sich Hillebrandt auch mit dem Entstehen der Neuen Deutschen Welle in Hagen und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung befasst: „Ende der 1970-er Jahre bildete sich ganz viel ‚Undergroundkultur‘. Das gibt es auch heute noch, und immer noch ist sie auf das Zusammenkommen angewiesen.“ Denn der künstlerische Nachwuchs kann nicht die ganzen neuen teuren Medien nutzen und nicht einfach im Fernsehen auftreten: „Das wird oft übersehen.“

In Hagen waren die Voraussetzungen für das Entstehen der Neuen Deutschen Welle einfach gut: „Es gab und gibt reale und künstlerisch freie Räume, die sich solche Szenen eroberten und erobern. Dann werden sie möglicherweise irgendwann populär. Und erst dann sehen wir sie.“

Hillebrandt ist sich sicher, dass es in Deutschland und in der ganzen Welt überall solche kulturellen Szenen gibt, die jetzt aber extrem darunter leiden, dass sie sich nicht mehr treffen können: „Die vielen jungen Leute, die sich heute kulturell erproben wollen, können das jetzt nicht.“

Bedeutung der Kultur wird unterbewertet

Die Frage nach der ‚Systemrelevanz‘ hat ihren Ursprung eindeutig in einer ökonomischen Logik. Es gibt jedoch erste Anzeichen dafür, dass die ‚neoliberale Phase‘ langsam zu Ende geht

Prof. Frank Hillebrandt

Dass es die Diskussion über die Systemrelevanz der Kultur überhaupt gibt, ist für den Soziologen eine Folge der heutigen Überbewertung des Wirtschaftlichen. Jeden Abend wird zur besten Sendezeit im Fernsehen für fünf Minuten zur Börse geschaltet, kritisiert er: „Alles Mögliche, was auf der Welt geschieht, wird mit den Aktienkursen in Verbindung gebracht: Was hat die Börse jetzt dazu gesagt? Alles muss bewertet und ‚eingeordnet‘ werden, ohne den Sinn zu hinterfragen.“

Demgegenüber werde über gesellschaftliche Themen viel zu wenig diskutiert: „Kultur kommt gar nicht mehr vor.“ Und das wirkt sich sehr negativ auf die Kultur aus, wenn es um deren Systemrelevanz geht: „Die Frage nach der ‚Systemrelevanz‘ hat ihren Ursprung eindeutig in einer ökonomischen Logik. Es gibt jedoch erste Anzeichen dafür, dass die ‚neoliberale Phase‘ langsam zu Ende geht und es auch Diskurse über andere Themen gibt als wirtschaftliche. Wir müssen daran arbeiten, die Kultur wieder aus der Defensive zu holen!“

Gerd Dapprich | 04.12.2020