Wie effizient waren die Corona-Lockdowns?

Lockdowns waren wirksamer in Ländern mit gutem Gesundheitssystemen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsteam der FernUniversität in einer wissenschaftlichen Studie.


Foto: VichoT/Getty Images
Light, hart, blitzschnell – Lockdowns gab es während der Corona-Pandemie in unterschiedlichen Variationen.

Mitte des Sommers bewegen sich die Corona-Fallzahlen in Deutschland auf niedrigem Niveau. Mitte desselben Sommers trifft Spanien eine fünfte Welle. Während England bei steigenden Infektionszahlen die Maskenpflicht aufhebt, hat Schweden nie eine gehabt – und trotzdem weniger Ansteckungen. Früh angesetzte Corona-Maßnahmen haben einen reduzierenden Effekt auf die Fallzahlen, das ist längst bewiesen. Doch wie streng müssen sie sein, damit sie greifen?

„Lockdowns sind insgesamt ein wirkungsvolles Mittel, um die Pandemie zu bekämpfen“, sagt Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer. Der Leiter des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Internationale Ökonomie, hat eine umfassende Studie zur Effizienz der Corona-Lockdowns veröffentlicht. Mitverfasserinnen sind seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Antonia Reinecke und Jaqueline Hansen (Universität Tübingen). Gemeinsam werteten sie Daten aus 142 Ländern seit Beginn der Pandemie im März 2020 aus.

Länderübergreifende Studie

„Die Corona-Pandemie hat den positiven Effekt, dass sehr viele Daten für die Forschung bereitgestellt werden“, sagt Antonia Reinecke, die jüngst ihre Doktorarbeit am Lehrstuhl vollendet hat. Viele Länder veröffentlichen nahezu täglich ihre verhängten Lockdown-Maßnahmen wie Schulschließungen, Homeoffice-Pflicht oder Ausgehverbote – und auch, wenn sie die Regeln verschärfen oder lockern. Das Forschungsteam konnte daher in einen großen Daten-Pool eintauchen, um die Wirkung von Lockdowns zu untersuchen.

Prof. Hans-Jörg Schmerer Foto: Volker Wiciok

„Ein strikter aber kurzer Lockdown wäre für die Wirtschaft und die Gesundheit der Bevölkerung besser gewesen als das komplizierte Regelwerk mit vielen Ausnahmen, das stattdessen eingeführt wurde.“

Prof. Hans-Jörg Schmerer

Auf der Grundlage dieses Datenmaterials haben die Forschenden geprüft, wie sich die geltenden Regelungen auf die Todeszahlen der jeweiligen Länder auswirkten. Warum Todeszahlen? „Weil die Zahl der Verstorbenen aus wissenschaftlicher Sicht verlässlicher ist als die Zahl der Infektionen“, ordnet Jaqueline Hansen das methodische Vorgehen ein. „Die Infektionszahlen hängen stark von der Teststrategie eines Landes ab und gerade in Schwellenländern haben wir es mit einer hohen Dunkelziffer zu tun.“

Beim Vergleich der Länder fiel dem Forschungsteam auf, dass einige Staaten wie Italien oder China harte Maßnahmen verhängen mussten, um Infektionszahlen zu reduzieren, während andere Länder wie Schweden oder Südkorea mit weitaus weniger strengen Maßnahmen gut durch die Krise kamen. „Es erschien uns immer plausibler, dass es noch weitere Faktoren geben muss, die die Corona-Sterberate beeinflussen“, erinnert sich Antonia Reinecke. Also richteten die Forschenden ihr Brennglas auf den Zustand der Gesundheitssysteme.

Das Gesundheitssystem gibt den Ausschlag

Erst jetzt offenbarte sich ein auffälliger Zusammenhang. „Je besser das Gesundheitssystem eines Landes, desto effizienter war auch der Lockdown, also umso weniger Menschen sind gestorben“, fasst Prof. Schmerer das zentrale Ergebnis seiner Studie zusammen. Der Wissenschaftler erklärt diesen Effekt mit einer besseren Versorgungsleistung, die durch höhere Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben zustande kommt. „Länder mit hohen Gesundheitsausgaben haben in der Regel auch eine bessere Nachverfolgung, eine bessere Teststrategie und eine bessere Notfallversorgung.“ Es kann der Studie zufolge sogar gelingen, schwache Lockdown-Maßnahmen mit einem guten Gesundheitssystem zu kompensieren. „Aber auf der anderen Seite“, ergänzt Antonia Reinecke, „ist dieser Weg gefährlich für die Gesundheit der Bevölkerung.“

Foto: FernUniversität/Petra Pérez
Antonia Reinecke und Jaqueline Hansen

Deutschland gibt mit am meisten für die Gesundheit der Bevölkerung aus. Konkret bedeutet das: Weniger als zehn Prozent der 142 untersuchten Ökonomien weisen höhere oder gleich hohe Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben aus. Dazu gehören zum Beispiel Norwegen, Luxemburg und Schweden. Der Blick auf einzelne Länder-Kategorien zeigte den Forschenden aber auch, dass der Effekt eines schwachen Lockdowns in Ländern mit schlechtem Gesundheitssystem sogar komplett verpuffen kann. Das ist zum Beispiel in Entwicklungsländern der Fall. Insgesamt sind sich die Forschenden sicher, dass ein Land in der Pandemie mit einem kurzen und harten Lockdown deutlich besser fährt.

Nicht nur auf die Inzidenz schauen

Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse über die Rolle, die das Gesundheitssystem in der Pandemiebekämpfung einnimmt. Sie zeigt, dass ein Lockdown nur dann effizient ist, wenn das Gesundheitssystem finanziell gut ausgestattet ist. Und sie bestätigt, dass Entscheidungen über einen Lockdown nicht an einzelne Kennzahlen geknüpft werden sollten. Für Schmerer ist die Lehre aus der Pandemie daher eindeutig: „Der zu starke Fokus auf eine bestimmte Kennzahl zeugt meiner Meinung nach von einem gewissen Kontrollverlust der Politik, die teilweise viel zu zögerlich gehandelt hat. Ein strikter aber kurzer Lockdown wäre für die Wirtschaft und die Gesundheit der Bevölkerung besser gewesen als das komplizierte Regelwerk mit vielen Ausnahmen, das stattdessen eingeführt wurde.“

Die Studie „Health Expenditures and the Effectiveness of Covid-19 Prevention in International Comparison“ ist in der Arbeitspapierreihe des CESifo Netzwerks erschienen.

 

Was Sie noch interessieren könnte

Sarah Müller | 20.07.2021