Mit effizienten Regeln und Vorschriften Volkswirtschaften fördern

Antonia Reinecke (FernUniversität) hat untersucht, wie Rahmenbedingungen die Ökonomie eines Landes prägen können. Dabei ging es auch um Kündigungsschutz und Weiterbildung.


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Regeln, Vorschriften, Verträge und weitere Institutionen können wirtschaftliches Handeln und die ökonomische Entwicklung eines Landes erheblich beeinflussen.

Regeln, Vorschriften, Verträge: Was viele für Hemmnisse der Wirtschaft halten, kann wirtschaftliches Handeln und die ökonomische Entwicklung eines Landes erheblich positiv beeinflussen. In der Volkswirtschaft werden diese Rahmenbedingungen als „Institutionen“ bezeichnet (damit sind also nicht unbedingt, wie umgangssprachlich, Unternehmen, Organisationen etc. gemeint). In ihrer Dissertation an der FernUniversität in Hagen hat sich Dr. Antonia Reinecke mit den Effekten solcher „Institutionen“ befasst: „Sie können die Ökonomie eines Landes prägen, indem sie die Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Transaktionen, also größere finanzielle Unternehmungen, festlegen und für die Durchsetzung dieser Regeln sorgen“, betont die Wissenschaftliche Mitarbeiterin am FernUni-Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbes. Internationale Ökonomie. In ihrer Dissertation hat sie sich auch mit der Institution „Kündigungsschutz“ im Zusammenhang mit dem internationalen Handel befasst.

Arten der Institutionen

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Antonia Reinecke bei einem Vortrag zur Thematik in Xiamen.

Institutionen sind Regelwerke, die als Verhaltenscodices implementiert werden. Unter anderem sind dies Rahmenbedingungen, Übereinkünfte, Verträge, Regeln, Vorschriften, Vorgaben, Restriktionen, die Durchsetzung von Eigentumsrechten, aber auch Rechtsstaatlichkeit, Staatsbürokratie, Zahlungsmittel und Märkte. Für die Arbeitsmärkte haben sich Mindestlöhne, Gewerkschaften und Kündigungsschutz und andere als regulierende Institutionen etabliert.

Die Rahmenbedingungen für ökonomische Interaktionen werden von der Politik formuliert. Sind die politischen Institutionen effektiv, hat also etwa eine Regierung gute Arbeit geleistet, sorgen sie für die Durchsetzung der aufgestellten Regeln und reduzieren so die Risiken geschäftlicher Aktivitäten. Durch die zunehmende Komplexität, Anonymität und Internationalisierung wirtschaftlicher Interaktionen wurden effiziente Institutionen in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger.

Ökonomische Institutionen formen den Rahmen für wirtschaftliches Handeln und haben damit für die Entwicklung einer Volkswirtschaft herausragende Bedeutung“, erläutert Reinecke. „Ausprägung und Qualitätsniveau von Institutionen haben großen Einfluss auf wirtschaftliche Entwicklungen. Somit können Institutionen von hoher Qualität die Entwicklung der Wirtschaft innerhalb einer Ökonomie positiv beeinflussen“, so die Mitarbeiterin von Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer weiter. „Sie können die Produktivität von Unternehmen an ihrem Heimatstandort verbessern und dadurch den Handel fördern, auch international.“

Auf den Arbeitsmärkten haben sich Institutionen entwickelt, die die Rahmenbedingungen für das Verhältnis zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden festlegen: Mindestlöhne, Gewerkschaften, Kündigungsschutz und weitere Arbeitsmarktinstitutionen dienen dem Schutz der Beschäftigten und sollen eine faire Behandlung gewährleisten. „Jedoch können die Effekte dieser Arbeitsmarktinstitutionen negative Effekte auf dem Arbeitsmarkt auslösen, auch wenn sie zum Schutz der Arbeitnehmenden implementiert sind.“ Sehr restriktive Regelungen etwa können dazu führen, dass Unternehmen nicht mehr flexibel genug auf negative Schocks reagieren können.

Große Bandbreite der Dissertations­themen

Auf dem „Kündigungsschutz“ lag der Fokus von Antonia Reinecke in einem Kapitel ihrer Dissertation, der Fächer möglicher Effekte von Institutionen ist erheblich breiter. So setzte Reinecke sich unter anderem auch mit sozialpolitischen Themen auseinander, etwa mit der Umverteilung von Einkommen bzw. (genauer) von Handelsgewinnen. In Staaten mit effizienten ökonomischen Institutionen funktioniert dies gemeinhin viel besser als in korrupten Ökonomien. Diese neigen eher dazu, Steuereinnahmen nicht gerecht zu verteilen. Das trägt dazu bei, dass soziale bzw. Einkommensungleichheit verstärkt werden.

In ihrer Dissertation ging es Antonia Reinecke besonders um Effekte, die die deutschen Arbeitsschutzgesetze im Zusammenhang mit dem zunehmenden internationalen Handel mit China und Osteuropa haben. Die Arbeitsmarktinstitution „Kündigungsschutz“ kann auch potenzielle negative Effekte des internationalen Handels abschwächen. Reinecke: „Häufig wird argumentiert, dass vor allem gestiegene Importe aus China in Deutschland dazu führen, dass in den Branchen Arbeitsplätze ‚überflüssig‘ werden, die davon besonders betroffen sind. Der Kündigungsschutz verteuert das Entlassen von Beschäftigten und kann so die Arbeitsplatzstabilität steigern. Diese Kosten geben Unternehmen den Anreiz, ihre Beschäftigten weiterzubilden, um sie in anderen Bereichen einzusetzen.“

Kündigungsschutz kann kontraproduktiv sein

Das bestehende Arbeitsschutzgesetz befreit Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern von den strikten Regeln zum Kündigungsschutz. Solchen Unternehmen erlaubt dies mehr Flexibilität bei ihrer Personalpolitik, etwa, wenn sie Mitarbeitende entlassen müssen. Reinecke: „Die Studienergebnisse von Prof. Schmerer und mir legen nahe, dass dadurch der internationale Wettbewerbsdruck gerade für kleinere und weniger produktive Unternehmen reduziert wird. Daher können sie flexibler auf Nachfrageschocks reagieren.“

Große, produktivere Unternehmen unterliegen hingegen vollständig dem Kündigungsschutzgesetz. Das führt bei ihnen zu mehr Arbeitsplatzstabilität und weniger -fluktuationen, was zentrale Aufgaben eines Arbeitsschutzgesetzes sind. Jedoch wird ihre Reaktionsfähigkeit eingeschränkt.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die vom internationalen Handel veränderte Nachfrage nach Arbeitskräften durch firmeninterne Weiterbildung gedeckt wird. Reinecke: „Wir können empirisch belegen, dass die Regelungen des Arbeitsschutzgesetzes Anreize für Unternehmen schaffen, Nachfrageschwankungen nach Arbeitskräften durch interne Weiterbildungen zu begegnen.“

Beschäftigte fit machen für globalen Wettbewerb

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Bei einer internationalen Konferenz stellte Antonia Reinecke Ergebnisse vor.

Antonia Reinecke und der Lehrstuhlinhaber Prof. Hans-Jörg Schmerer setzten Veränderungen im internationalen Handel in Bezug zu dem zwischen 2003 und 2005 in Deutschland im Zuge der Hartz-IV-Reformen gelockerten Kündigungsschutz. Sie stellten fest, dass die Globalisierung sowohl negative und als auch positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben kann. Ob der gelockerte Kündigungsschutz alleine Arbeitsmarkteffekte der Globalisierung verstärkt hat, ließ sich den ihnen vorliegenden Daten nicht entnehmen.

Eine Alternative zu Entlassungen können Qualifizierungsmaßnahmen für Mitarbeitende sein, die durch die Globalisierung an ihrer bisherigen Stelle nicht mehr einsetzbar sind. Dabei erhält das Zusammenspiel von Kündigungsschutz und Weiterbildung der Beschäftigten eine zentrale Rolle. Auf diese Weise können die Unternehmen ihren höheren Bedarf an qualifiziertem Personal mit vorhandenen Mitarbeitenden decken.

Globaler Wettbewerb beeinflusst Arbeitsmarkt

Hartz IV wurde zum 1. Januar 2005 eingeführt, vor allem, um den Arbeitsmarkt in Deutschland wettbewerbsfähiger zu gestalten. Gleichzeitig nahm die Globalisierung zu, der steigende Wettbewerb mit chinesischen Firmen hat ebenfalls einen Einfluss auf den Arbeitsmarkt. Viele Ökonomen untersuchen die Folgen von Hartz IV, andere die Auswirkungen der globalen Märkte. Aber das Zusammenspiel hatte sich bisher kaum jemand angeschaut.

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Als Folge des (globalisierten) Welthandels...

Auftraggeberin der Studie – mit der sich Hans-Jörg Schmerer und Antonia Reinecke erstmals auf das Feld der Politikberatung begaben – war die WTO, die Welthandelsorganisation. Auf Schmerer und Reinecke wurde die WTO offensichtlich durch die bisherige Forschung des Lehrstuhls und entsprechende Veröffentlichungen aufmerksam. Sie untersuchten insbesondere die Frage, ob in Deutschland die Effekte der Globalisierung sogar noch verstärkt werden können. Denn zunächst denkt man ja, dass Importe aus China Arbeitsplätze zerstören und Lohnsenkungen verursachen. Es können aber auch positive Effekte entstehen, etwa durch Exporte.

Sie interessierten sich besonders für die Interaktionseffekte, um herauszufinden, wie die Politik die Arbeitsmärkte in verschiedenen Ländern so gestalten kann, dass die negativen Effekte der Globalisierung abgefedert werden. Es ging also nicht nur um die akademische Forschung als solche, sondern auch um ihre Relevanz für die Politik.

Kündigen oder qualifizieren?

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... kann die betriebliche Weiterbildung intensiviert werden, um Beschäftigte für andere Tätigkeiten zu qualifizieren.

Sie fanden heraus, dass man sich in Deutschland Lernen, lebenslanges Lernen, Weiterbildung an sich, in der Firma oder auch extern, anschauen muss. Damit können Arbeitskräfte fit gemacht werden für die Globalisierung, statt sie zu entlassen.

Beim Thema „Weiterbildung“ spielt wiederum der Kündigungsschutz eine wichtige Rolle, wichtig ist also das Zusammenspiel zwischen beiden. Denn der Kündigungsschutz alleine wirkt nicht wirklich. Jemanden zu behalten, der nicht mehr einsetzbar ist, bringt dem Betrieb nichts. Antonia Reinecke: „Der Schutz kann aber Unternehmen dazu motivieren, ihre Arbeitskräfte in eine entsprechende Qualifizierungsmaßnahme zu schicken, denn er macht Kündigungen teuer.“ Doch auch eine Weiterbildung kann viel kosten. Letztendlich ist es also ein Rechenexempel, welchen Weg die Unternehmen gehen – aber nicht nur. Viele wollen ihre Beschäftigten gerne halten und für neue Aufgaben fit machen.

Gerd Dapprich | 25.10.2021