Familien im Hochdruckgebiet

Die deutsche Politik greift tief in familiäre Strukturen ein – oft entlang ökonomischer statt sozialer Interessen. Eine Tagung und ein neues Netzwerk wenden sich der Lage nun zu.


Kinder toben auf Sofa, Vater versucht zu arbeiten Foto: Jose Luis Pelaez Inc/DigitalVision/GettyImages
Ökonomisierung des Miteinanders: Die Familie als kleinste soziale Einheit trägt eine zusehends größere gesellschaftliche Last.

„Wir haben in Deutschland eine Sozial- und Familienpolitik, die nicht die Interessen der Familie vertritt, sondern ökonomische.“ Dieser Befund ist grundlegend für die Forschung von Prof. Dr. Dorett Funcke. Die Wissenschaftlerin leitet die Ernsting’s family-Stiftungsprofessur für Mikrosoziologie an der FernUniversität in Hagen. Sie betont: „Die Familie ist schon lange kein Ort mehr, der sich selbst überlassen ist. Sie ist eingebunden in politische Entwicklungen, die sie immer auch angreifen.“ Beispiele für eine solche öffentliche Steuerung seien etwa das ans Nettoeinkommen gebundene Elterngeld, das Gering- und Einverdienerfamilien strukturell schlechter stellt. Oder die Delegation finanzieller Verantwortung vom Staat auf die Familie – etwa mit Blick auf die Altersvorsorge und Pflege. Mit ihren Maßnahmen agiere die Politik in einen Sozialzusammenhang hinein, ohne seiner natürlichen Logik gerecht zu werden. In der Folge schwinde familiäre Autonomie zusehends.

Doch wie gelingt die Grenzziehung zwischen Öffentlichem und Privatem besser? Gelegenheit, das besondere Spannungsverhältnis zu diskutieren, gibt eine große Online-Tagung am 12. und 13. November: „Die Ökonomisierung des Sozialen – Vergesellschaftungsdynamiken in der Familie“. Die Organisation liegt bei Prof. Funckes Lehrgebiet. Finanziell unterstützen Ernsting’s family und die Gesellschaft der Freunde der FernUniversität die Tagung. Interessierte sind herzlich eingeladen.

Netzwerk Qualitative Familienforschung

Die Veranstaltung mündet zudem in der konstituierenden Mitgliederversammlung eines neuen Zusammenschlusses, dessen Gründung Dorett Funckes Team angestoßen hat: Im Netzwerk Qualitative Familienforschung wollen Forschende verschiedener Disziplinen zusammenarbeiten – von der Erziehungs-, Politik, Gesundheits- und Bildungswissenschaft über die Soziologie bis hin zur Psychologie. Alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eint dabei ihr qualitativer Forschungsansatz. „Das ist eine spezifische Methode, wie man die Familie als Gegenstand untersuchen kann“, erklärt Funcke. Die Familie als Mikrokosmos wird dabei mit Blick auf eine Forschungsfrage ganz genau unter die Lupe genommen. „Zum Beispiel mithilfe von Interviews, Beobachtungen und Skizzen.“ Von den empirischen, soziologischen Analysen „in a nutshell“ schließt die qualitative Forschung dann auf die allgemeine gesellschaftliche Situation; im Gegensatz zu umgekehrten Forschungsansätzen, die etwa von breiten statistischen Erhebungen aufs Besondere schließen.

Portrait Foto: Volker Wiciok
Familienplanung als finanzielle Risikoabwägung? Soziologin Dorett Funcke kritisiert die steigende Rationalisierung der familiären Sphäre.

Politik im Porzellanladen?

Dass die Familienforschung so genau hinschaut, ist wichtig, ihr Gegenstand komplex wie facettenreich. Die Familie hat eine ganz eigene Dynamik“, hebt Funcke hervor. Ihr inneres Gefüge ist fein justiert, folgt einer eigenen Logik und ist eigentlich nicht auf ökonomische Ziele wie Leistung, Flexibilität oder Effizienz ausgerichtet. Die Politik trägt diesem Umstand nicht immer Rechnung. Im Gegenteil nutzen die aktuellen Rahmenbedingungen in Deutschland vor allem dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, so die Mikrosoziologin. Damit übergeht die Gesetzgebung die eigentlichen Bedürfnisse von Kindern und Eltern – und versteht die Familie nicht als Raum für eben das, was sich nicht kalkulieren lässt: etwa Konflikte und Versöhnung, Liebe und Empathie. Entsprechend sei es zum Beispiel auch ein gesellschaftlicher Fehler, familiäre Zeit rationalisieren zu wollen. „Sogenannte ‚Quality Time‘ lässt sich nicht im Terminkalender planen. Genauso wenig kann ich zu einem schreienden Kind sagen: ‚Es passt mir gerade nicht, komm um 16.30 Uhr noch mal wieder.‘“

Kinder sind kein Produkt

Einen neuen Kulminationspunkt sieht die Forscherin im Homeschooling während des Lockdowns. Was an staatlicher Leistung wegbrach, galt es plötzlich privat zu stemmen. „Die Familie soll alles machen!“, spitzt Funcke zu. Solcherlei Überforderung führe auch zu einem verqueren Rollenverständnis: „Eltern sollen auch noch Erzieher oder Lehrerinnen sein – aber das sind sie nicht. Sie sind Eltern!“ Familie hat in diesen Fragen eine gewisse Autonomie zu behalten, abseits öffentlicher Anforderungen und Erwartungen. Eine Mutter oder ein Vater müsse dazu in der Lage bleiben, zur Tochter zu sagen: „Schluss jetzt! Wir sitzen jetzt nicht für die Schule nach, sondern gehen zusammen angeln.“ Das nämlich seien familiäre Erfahrungen, die kein Geld der Welt aufwiegen kann.

 

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Benedikt Reuse | 14.10.2021